Als Head of Communications begleitet Fabienne Lampe die AFLE von Beginn an kommunikativ. Im Interview erklärt sie, warum Vertrauen das Fundament einer neuen Liga ist, wie viel Arbeit hinter Posts, Pressemitteilungen, Statistiken und Streaming steckt und warum echte Geschichten wichtiger sind als reine Marketingbotschaften.
Fabienne, du bist Head of Communications der AFLE und damit eine zentrale Verbindung zwischen Liga, Medien, Teams und Fans. Wie würdest du deine Rolle in wenigen Worten beschreiben – und was macht sie für dich besonders?
Als Head of Communications bin ich nicht nur die Stimme der Liga, sondern auch das Bindeglied nach außen zu Medien und Fans sowie nach innen zu den einzelnen Teams. Was diese Arbeit wirklich trägt, ist Vertrauen. Das muss man sich verdienen und nach allem, was im letzten Jahr im europäischen American Football passiert ist, erst wieder aufbauen. Ich nehme das sehr ernst.
Was diese Rolle und meine Arbeit für die AFLE besonders macht, ist, dass wir hier gerade American-Football-Geschichte schreiben. Unser Team hat im Hintergrund innerhalb von sechs Monaten eine spielfähige Liga auf die Beine gestellt, und ich darf von Anfang an dabei sein und kommunikativ mitgestalten, wie die AFLE wahrgenommen wird. Dass ich nebenbei auch noch meiner Liebe zum Sports Writing nachgehen und Artikel für die Website schreiben kann, rundet das Ganze für mich perfekt ab.
Viele Fans sehen am Ende vor allem Spiele, Ergebnisse, Posts und Pressemitteilungen. Was passiert hinter den Kulissen, damit eine Liga wie die AFLE nach außen professionell, verständlich und nahbar wirkt?
Hinter jedem Post, jeder Pressemitteilung und jedem Newsletter steckt eine Menge Abstimmung mit verschiedenen Departments. Mal mit dem Editorial Team, mal mit dem Media Team, Marketing oder Football Operations. Wir stimmen uns so engmaschig ab, weil jede Mitteilung auf verschiedenen Wegen rausgeht und alles zusammenpassen muss. Wir helfen uns gegenseitig aus, verstehen uns gut und wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können. Ohne das alles würde das in diesem Tempo nicht funktionieren.
Gleichzeitig bauen wir im Hintergrund alle Strukturen auf, die eine professionelle Liga braucht: Es gibt ein Officiating Department, vollständige Statistiken auf unserer Website und mit AFLE+ einen eigenen Streaming-Dienst, den wir von Grund auf entwickelt und veröffentlicht haben. Das sind keine Selbstverständlichkeiten, schon gar nicht in einer Liga, die gerade mal ein halbes Jahr alt ist.
Nahbarkeit schaffen wir außerdem, indem wir die Geschichten abseits vom Feld erzählen und auch bei den Spieltagen als Ansprechpartner vor Ort sind. Beim Media Day in Wien haben wir bewusst mit Spielern und Coaches zusammengearbeitet, Challenges gemacht und zeigen so eine Seite der Spieler abseits vom Feld. Professionalität und Nahbarkeit schließen sich nicht aus. Beides zusammen ist das, wofür wir stehen wollen.
Die AFLE ist ein neues Projekt im europäischen Football. Gerade bei neuen Ligen gibt es oft Neugier, aber auch viele Fragen. Wie wichtig ist gute Kommunikation, um Vertrauen bei Fans, Medien und Vereinen aufzubauen?
Gute Kommunikation ist für mich auch im Alltag nicht nur ein Instrument. Bei der AFLE ist sie sogar das Fundament, auf dem wir langfristig aufbauen wollen. Die Leute kennen uns noch nicht, haben keine zehn Jahre Erfahrung mit uns. Also entscheidet jede Kommunikation mit, ob man uns glaubt oder nicht.
Für Fans, Medien und Teams gilt dabei im Kern dasselbe: Alle wollen das Gefühl haben, dass wir ehrlich mit ihnen sind. Fans wollen nicht das Gefühl haben, dass wir ihnen nur Highlights verkaufen. Medien wollen verlässliche Ansprechpartner und saubere Informationen, und die Teams haben sich entschieden, Teil dieser Liga zu sein. Also müssen sie spüren, dass ihre Interessen gehört werden, nicht nur in der Außendarstellung, sondern auch intern.
Was war für dich bisher der Moment, in dem du gemerkt hast: Ja, die AFLE wird wahrgenommen und löst etwas in der Football-Community aus?
Marshawn Lynch war am 23. Mai 2026 beim Saisonauftakt in Wien dabei. Und er war da, weil European American Football wahrgenommen wird. Weil die AFLE auf dem Radar von Menschen ist, die ihr Leben dem American Football gewidmet haben. Die Reaktion der Community hat mich wirklich bewegt. Die Leute kamen für ein Meet and Greet, die Begeisterung war spürbar. In diesem Moment war klar: Das hier ist mehr als ein Nischenprojekt. Wenn frühere NFL-Spieler anfangen, nach Europa zu schauen, dann sind wir mit unserer Liga auf dem richtigen Weg.
Du bist nicht nur in der Kommunikation tätig, sondern hast auch selbst einen starken Medien- und Football-Hintergrund. Wie hilft dir diese Erfahrung heute, wenn du Inhalte, Botschaften und Geschichten rund um die Liga vermittelst?
Das stimmt, American Football ist für mich keine neue Welt, in die ich nun kommunikativ eingetaucht bin, sondern ich bin mit diesem wunderbaren Sport aufgewachsen. Alle Erfahrungen, die ich sowohl als Fan als auch beruflich gesammelt habe, sind heute bei meiner Arbeit mein tägliches Werkzeug.
Als deutsche Beat Writerin der Atlanta Falcons habe ich gelernt, wie man über American Football schreibt, und das nicht nur für Eingeweihte, sondern für Menschen, die die Spielzüge vielleicht noch nicht alle kennen, aber spüren wollen, was diesen Sport besonders macht. Dadurch habe ich verstanden, wie American Football abseits vom Feld tickt, welche Geschichten erzählt werden wollen und wie nah man an der Community dran sein muss. Das hilft mir heute enorm. Ich weiß, was Journalisten brauchen, weil ich selbst im Sportjournalismus tätig bin. Ich weiß, wie sich Fans fühlen, weil ich einer bin. Und ich weiß, dass gute Football-Kommunikation nicht bei Ergebnissen aufhört. Sie fängt da erst an.
American Football in Europa lebt sehr stark von Emotionen, Community und Identifikation. Welche Geschichten rund um Spieler, Teams oder Fans sollten deiner Meinung nach noch viel stärker erzählt werden?
Die Geschichten, die mich am meisten bewegen, passieren abseits des Feldes. Wer ist dieser Spieler, wenn er nicht trainiert? Was hat ihn zum Football gebracht? Welchen Job macht er unter der Woche, bevor er am Wochenende das Feld betritt?
Europäischer American Football ist in vielen Fällen noch kein Vollzeitjob. Das bedeutet, hinter jedem Athleten steckt ein Mensch mit einem echten Leben daneben. Genau das macht den Sport in Europa so besonders und so nahbar. Diese Geschichten erzählen wir noch viel zu wenig.
Dasselbe gilt für Fans und Communities. Es gibt Menschen, die seit Jahren lokale Teams aufbauen und Kinder trainieren, ohne dass irgendjemand darüber spricht oder schreibt. Das ist aber das Fundament, weshalb eine Liga wie die AFLE überhaupt entstehen konnte. American Football in Europa lebt von diesen Geschichten. Wir müssen sie nur erzählen. Das haben wir uns in der AFLE auf die Fahne geschrieben.
Kommunikation ist im Sport oft ein Balanceakt: Man möchte Begeisterung schaffen, aber gleichzeitig glaubwürdig bleiben. Wie gelingt es, eine Liga positiv zu präsentieren, ohne dass es nur nach Marketing klingt?
Der Unterschied zwischen Begeisterung und Marketing ist für mich Haltung. Wir verkaufen keinen fertigen Mythos, wir zeigen, wie einer entsteht. Das ist ehrlicher, und die Leute merken das.
Konkret bedeutet das: Wir reden nicht nur über Erfolge. Wir zeigen auch den Aufbau, die Arbeit dahinter und die Menschen und Partner, die diese Liga möglich machen. Wenn ein Spiel eng war und der Außenseiter gewonnen hat, erzählen wir diese Geschichte nicht, weil es gut für die Liga aussieht, sondern weil es die Wahrheit ist. Und die Wahrheit ist meistens die bessere Geschichte.
Glaubwürdigkeit kommt auch daher, dass wir nicht alles kontrollieren wollen. Unsere Creator haben eine eigene Stimme, die Teams haben ihre eigene Identität. Wir geben den Rahmen vor, aber wir lassen echte Persönlichkeiten sprechen. Das schützt uns davor, wie eine PR-Maschine zu klingen.
Die AFLE möchte Football in Europa weiterentwickeln. Was unterscheidet die Liga aus deiner Sicht von anderen Projekten – und wo liegt ihre größte Chance?
Was die AFLE für mich wirklich von anderen Projekten unterscheidet, ist die Haltung gegenüber den Teams. Wir lassen die Franchises nicht hängen. Der Investor unterstützt sie finanziell, aber wir helfen auch in operativen, kommunikativen und medialen Fragen. Das ist unsere Aufgabe als Liga: nicht nur den Rahmen zu setzen, sondern dafür zu sorgen, dass die Teams darin wirklich langfristig funktionieren können.
Und die größte Chance? Wir sind ein Neustart, mit allem, was das bedeutet. Wir können Fehler vermeiden, die andere gemacht haben. Wir können American Football in Europa größer machen, als er es schon ist. Das Potenzial ist da, die Leidenschaft ist da, die Community ist da. Wir müssen es jetzt nur richtig machen.
Für viele Fans ist Transparenz wichtig: Spielpläne, Übertragungen, Entscheidungen, Entwicklungen. Was können Ligen heute besser machen, um Fans wirklich mitzunehmen?
Spielpläne, Übertragungen, wichtige Neuigkeiten und weitere Informationen sind Dinge, auf die Menschen verlässlich zugreifen wollen. Wenn sie das nicht können, verliert man sie schnell als Fans. Daher ist es uns wichtig, die Fans nicht im Unklaren zu lassen.
Zugegeben, wir waren in der Kommunikation vor dem Season Kickoff bei manchen Dingen spät dran. Aber das hängt mit einer Realität zusammen, die nicht viele Ligen so kennen: Wir haben binnen sechs Monaten sozusagen ein komplettes Rundum-sorglos-Paket geschnürt. Spielbetrieb, Social Media, Streaming, Kommunikation, Statistiken, alles gleichzeitig und von null. Bevor wir manche Dinge kommunizieren konnten, musste der vertragliche und rechtliche Rahmen stehen.
Aber soweit es uns möglich ist, wollen wir künftig früher kommunizieren, auch wenn noch nicht alles steht. Fans verzeihen Verzögerungen viel eher, wenn sie das Gefühl haben, mitgenommen zu werden. Was sie nicht verzeihen, ist Schweigen.
Frauen im Football werden sichtbarer – in Medien, Coaching, Management, Kommunikation und auch auf dem Feld. Wie erlebst du diese Entwicklung persönlich, und was wünschst du dir für die nächsten Jahre?
Ich erlebe diese Entwicklung durchweg positiv, und ich sage das nicht als Floskel. Wenn ich sehe, wie viele Frauen heute in verschiedensten Rollen im American Football aktiv sind, ist das ein echter Wandel. Was ich mir für die nächsten Jahre wünsche, ist mehr Miteinander. Frauen nehmen Männern in diesem Sport nichts weg, wir bringen etwas dazu. Mehr Perspektiven, mehr Geschichten, mehr Menschen, die sich mit diesem Sport identifizieren können. Das sollte eigentlich niemanden bedrohen.
Trotzdem liest man immer wieder Beleidigungen, sobald Frauen im Sport in den Mittelpunkt rücken. Das ist ehrlich gesagt das, was mich am meisten beschäftigt. Nicht die Frage, ob wir einen Platz haben, denn den haben wir. Sondern warum es für manche immer noch ein Problem ist.
Wenn du fünf Jahre nach vorne blickst: Wo sollte die AFLE dann stehen – sportlich, medial und in der Wahrnehmung der Fans?
In fünf Jahren möchte ich, dass man auf der Straße nicht mehr schräg angeguckt wird, wenn man von American Football in Europa erzählt. Das klingt simpel, aber für mich ist das der ehrlichste Maßstab, dass der Sport wirklich endlich angekommen ist.
Sportlich wünsche ich mir volle AFLE-Stadien, Gänsehautmomente und eine Liga, die weiter gewachsen ist, aber mit Bedacht. Neue Teams, neue Länder, mehr Reichweite: ja. Aber nur dann, wenn die Stabilität dafür da ist.
In fünf Jahren will ich außerdem Homegrown-Spieler sehen, die den Sprung von der AFLE in die NFL geschafft haben. Das wäre für mich der ultimative Beweis, dass wir das Spielniveau dorthin gebracht haben, wo es hingehören soll: ganz oben.
Medial haben wir mit AFLE+ schon jetzt etwas gebaut, das weit über Europa hinausdenkt. American Football ist in den USA quasi heilig, und ich glaube, dass es eine echte Neugier gibt, diesen Sport auch in seiner europäischen Form zu erleben. In fünf Jahren möchte ich, dass wir diese Chance genutzt haben und Menschen weltweit für das begeistern, was wir hier aufbauen.
Zum Abschluss: Wenn du den Fans von American Football in Europa eine Botschaft mitgeben könntest – warum sollten sie der AFLE eine echte Chance geben und diesen Weg begleiten?
Ich sage das als jemand, der seit 27 Jahren American Football liebt: Was hier gerade passiert, ist etwas Besonderes.
Europäischer American Football hat eine Geschichte, und die AFLE ist ihr nächstes Kapitel. Wir sind aus einer Bewegung entstanden, die bewiesen hat, dass dieser Sport in Europa funktioniert. Jetzt gehen wir den nächsten Schritt. Wir sind jung, wir haben noch viel vor uns, und genau deshalb ist jetzt der richtige Moment, dabei zu sein. Nicht nur als Zuschauer, sondern als Teil dieser Geschichte.
Vielen Dank an Fabienne Lampe für ihre offenen und ausführlichen Antworten. Ihr Blick hinter die Kulissen zeigt, wie viel Kommunikation, Struktur, Leidenschaft und Vertrauen nötig sind, damit eine neue Football-Liga in Europa wachsen kann.